Klärung - Beobachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching
Ein Redakteur, Mitte 50, sitzt im Coaching und sagt: „Ich habe nicht gekündigt. Die Stelle hat einfach aufgehört zu existieren."
Er sagt es sachlich. Fast als würde er über jemand anderen sprechen.
Dabei hat er mehr als 25 Jahre für dieses Haus gearbeitet. Ressorts aufgebaut. Kollegen eingearbeitet. Formate entwickelt, die noch heute laufen - ja, sogar einen Journalistenpreis hat er mit einer Reportage gewonnen und die Zeitung, die damals noch nur Print war, in die Mediennachrichten gebracht.
Vor 15 Jahren ging es los. Es kam eine Umstrukturierung. Und noch eine. Und irgendwann gab es seine Position nicht mehr.
Formal war alles korrekt. Er leitete plötzlich die Leserbriefe. Das hätte er sich früher nie vorstellen können - ein Schreiber wie er plötzlich auf dem Abstellgleis. So fühlte es sich damals an. Kürzlich hatte auch einen Termin in der Personalabteilung. Gerüchte waberten schon lange durch die Flure der wenigen verbliebenen Stockwerke der Redaktion. Ein Abfindungsangebot. Ein Gespräch mit HR-Leitung. Ein Termin beim Anwalt. Doch niemand hat gefragt, was das mit ihm macht.
Stellenabbau in Redaktionen wird meist als wirtschaftliche Entscheidung kommuniziert. Als Reaktion auf Marktveränderungen. Als unvermeidliche Anpassung. Und natürlich - jetzt noch KI. Das stimmt vielleicht sogar.
Aber für den Menschen, dessen Stelle wegfällt, ist es etwas anderes. Es ist der Moment, in dem die eigene Arbeit plötzlich keinen Ort mehr hat.
Viele, die ich in dieser Situation treffe, berichten nicht zuerst von Wut. Sondern von Orientierungslosigkeit.
Was bin ich, wenn nicht das, was ich bisher war? Welche meiner Fähigkeiten zählen noch – und wo? Und wie fängt man an, das herauszufinden? Was sage ich, wenn ich nicht mehr sagen kann: Ich arbeite als Journalist. Denn das ist meinem Gegenüber klar: Eine neue Stelle in einer Redaktion wird er wohl nicht mehr bekommen.
Im Coaching geht es in solchen Momenten selten sofort um die nächste Stelle. Oft geht es zunächst darum, überhaupt wieder einen klaren Blick zu bekommen. Was war gut an dieser Arbeit? Was war längst schwierig? Und was soll das Nächste leisten – nicht nur finanziell, sondern auch sonst?
Denn nicht jeder Stellenabbau ist nur Verlust. Manchmal schafft er auch Raum für Fragen, die man lange nicht gestellt hat. Das macht ihn nicht weniger schwer. Aber manchmal öffnet er eine Tür, die man selbst nicht aufgestoßen hätte.