Klärung - Beobachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching
„Ich bin 55. Ich kann nichts außer schreiben. Aber schreiben will ich nicht mehr. Nicht so. Für Social Media bin ich zu alt. Wer nimmt mich denn noch?“
Die Frau sitzt mir gegenüber und wartet nicht auf eine Antwort.
Sie hat ihre Antwort längst gefunden.
Niemand.
Vor einigen Jahren hat sie ein Abfindungsangebot angenommen. Finanziell war das vernünftig. Das Geld reicht. Damals war sie überzeugt, dass sich etwas Neues finden würde.
Heute sitzt sie oft allein zu Hause.
Früher schrieb sie für eine bekannte Zeitschrift in einem großen Verlag. Sie liebte die Themen, die Gespräche, die Recherche, das Schreiben. Die Zeitschrift gibt es in dieser Form längst nicht mehr, den Verlag so auch nicht.
Ihr Studium liegt weit zurück.
In dem Beruf, den sie einmal gelernt hat, hat sie nie gearbeitet.
Stattdessen wurde sie Journalistin.
Und jahrzehntelang stellte sie diese Entscheidung nie infrage.
Sie war Journalistin.
So wie andere Ärztin, Architekt oder Lehrerin sind.
Heute versucht sie, freie Aufträge zu bekommen. Sie schlägt Themen vor, bietet Artikel an und wartet auf Antworten.
Oft kommt keine.
Manchmal eine Absage.
Die Honorare sind niedrig. Die Konkurrenz ist groß.
„Ich will das nicht mehr“, sagt sie.
Es ist nicht nur die Unsicherheit.
Es ist das Gefühl, dass etwas zu Ende gegangen ist.
Viele Menschen, die lange in einem Beruf gearbeitet haben, unterschätzen, wie sehr dieser Beruf Teil ihrer Identität geworden ist.
Besonders dann, wenn die Arbeit mehr war als ein Job.
Wenn sie den Alltag strukturiert hat.
Kontakte geschaffen hat.
Anerkennung gegeben hat.
Und eine Antwort auf die Frage, wer man ist.
Fällt das weg, entsteht oft eine Leerstelle.
Manche versuchen sie sofort zu füllen.
Mit Bewerbungen.
Mit Weiterbildungen.
Mit neuen Projekten.
Doch manchmal ist zunächst gar nicht klar, wohin die Reise gehen soll.
Auch diese Frau kommt nicht ins Coaching, weil sie ein konkretes Ziel hat.
Es ist genau umgekehrt: Sie hat kein Ziel. Noch nicht.
Aber sie weiß, was sie nicht mehr möchte.
Sie möchte nicht weiter allein zu Hause sitzen.
Sie möchte nicht jeden Tag neue Themen anbieten und auf Antworten warten, die oft nicht kommen.
Sie möchte nicht mehr von Auftrag zu Auftrag denken.
Und sie möchte sich nicht ständig fragen, ob sie noch gebraucht wird.
Was sie vermisst, ist etwas anderes.
Kolleginnen und Kollegen.
Gespräche auf dem Flur.
Gemeinsame Projekte.
Das Gefühl, Teil eines Teams zu sein.
Sie möchte wieder gelegentlich in ein Büro gehen.
Menschen treffen.
Zusammen an etwas arbeiten.
Kurz gesagt: Sie vermisst nicht nur die Arbeit.
Sie vermisst die Menschen.
Erst im Coaching wird ihr klar, dass sie nicht in erster Linie das Schreiben vermisst.
Sie vermisst die Redaktion.
Die Zeitschrift, für die sie geschrieben hat, gibt es nicht mehr.
Und mit ihr ist auch die Welt verschwunden, in der sie sich jahrzehntelang zu Hause gefühlt hat.
Im Coaching sprechen wir deshalb zunächst nicht über Bewerbungsstrategien oder Businesspläne.
Sondern über etwas anderes.
Was hat sie eigentlich durch all die Jahre gelernt?
Sie wiederholt: Nichts - ich kann ja nichts außer Schreiben.
Aber das stimmt nicht. Nur sieht sie es in diesem Moment nicht.
Was kann sie wirklich?
Und was davon bleibt, wenn die Berufsbezeichnung verschwindet?
Die Antworten kommen nicht sofort.
Denn wer sich lange über seinen Beruf definiert hat, sieht zunächst vor allem das, was verloren gegangen ist.
Nicht das, was geblieben ist.
Neugier.
Analytisches Denken.
Gesprächsführung.
Die Fähigkeit zuzuhören.
Komplexe Themen verständlich zu machen.
Menschen für ein Thema zu interessieren.
Kontakte aufzubauen.
Sich in neue Themen einzuarbeiten.
Oft geraten solche Ressourcen aus dem Blick, wenn ein Berufsbild brüchig wird.
Dann sieht man vor allem die geschlossenen Türen.
Nicht die Fähigkeiten, die man mitbringt.
Manchmal beginnt Klärung deshalb nicht mit einem Ziel.
Sondern mit der Frage, was einen durch das bisherige Leben getragen hat.
Und ob darin vielleicht schon Hinweise auf den nächsten Schritt liegen.
Denn nicht jede Neuorientierung beginnt mit einem Plan.
Manche beginnen mit der Erkenntnis, dass man mehr ist als die Berufsbezeichnung auf einer Visitenkarte.