Klärung - Beobachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching
Die Frau, Mitte dreißig, sagte gleich zu Beginn:
„Ich halte das nicht mehr aus.“
Sie arbeitete in einem Verlag. Eigentlich liebte sie ihren Beruf. Bücher, Texte, Autorinnen und Autoren – all das war genau die Welt, in der sie immer hatte
arbeiten wollen.Trotzdem dachte sie über eine Kündigung nach.
Sie fühlte sich nicht gesehen. Entscheidungen wurden über ihren Kopf hinweg getroffen. Ein Evaluationsgespräch hatte sie ratlos und verletzt zurückgelassen. Immer
häufiger fragte sie sich, warum sie sich das eigentlich noch antat.
Gleichzeitig konnte sie sich kaum vorstellen zu gehen. Sie liebte ihren Beruf noch immer. Nur nicht mehr unter diesen Bedingungen.
Was kann Coaching in einer solchen Situation leisten?
Zunächst einmal nichts Spektakuläres.
Die junge Frau erzählte. Von ihrem Arbeitsalltag. Von Gesprächen, die sie beschäftigten. Von Situationen, die sie ärgerten und die sie gleichzeitig immer wieder
herunterspielte.
Durch das Erzählen und die Nachfragen wurde jedoch vieles zum ersten Mal sichtbar.
Sie begann zu erkennen, worüber sie sich eigentlich ärgerte. Was sie verletzt hatte. Wo ihre Grenzen lagen. Und was Wertschätzung für sie bedeutete.
Im systemischen Coaching gehen wir davon aus, dass Veränderungen oft dort beginnen, wo Menschen ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten wieder entdecken.
Genau das geschah hier: Die Lektorin verhielt sich eindeutiger, ihre Botschaften wurden klarer. Sie bereitete Gespräche
anders vor. Sie sprach deutlicher aus, was sie dachte. Sie nahm ihre eigene Perspektive ernster.
Nicht immer. Nicht perfekt.
Aber zunehmend selbstverständlich.
Mehrmals erhielt sie abends E-Mails ihres Chefs. Neue Aufgaben. Neue Erwartungen. Zusätzliche Buchprojekte.
Früher hätte sie sich geärgert und am nächsten Morgen trotzdem zugestimmt.
Diesmal war es anders. An zwei Abenden konnten wir kurzfristig telefonieren. Nicht, damit ich ihr sagte, was sie tun
sollte. Sondern damit sie ihre Gedanken sortieren konnte.
Am nächsten Tag ging sie vorbereitet in das Gespräch: Sie formulierte Bedingungen.
Es war das erste Mal in ihrem Berufsleben, dass sie Bedingungen stellte.
Und dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte:
Ein Teil dieser Bedingungen wurde akzeptiert.
Viele Menschen gehen unausgesprochen davon aus, dass sie keine Wahl haben. Manchmal zeigt sich erst im Ausprobieren, dass der eigene Handlungsspielraum größer ist
als gedacht.
Nach und nach gewann sie während des Coaching-Prozesses neue Erkenntnisse.
Sie formulierte sie dann selbst:
• Ich darf laut sein.
• Ich darf Forderungen stellen.
• Ich muss nicht immer nett sein.
• Ich darf Grenzen setzen.
• Ich muss nicht alles übernehmen.
• Meine Sichtweise ist wichtig.
Als sie diese Sätze laut vorlas, wurde ihr klar: Es ging hier nicht um Kommunikationstechniken, es ging um ihre Haltung.
Sie hatte begonnen, sich selbst mehr Raum zu geben.
Sechs Coachings später sagte sie:
„Ich hätte mir das am Anfang nicht vorstellen können. Aber ich habe mich verändert.“
Die Frage, ob sie den Verlag verlassen sollte, stellte sich am Ende nicht mehr.
Sie blieb.
Nicht jeder Coaching-Prozess verläuft so erstaunlich wie die Fall der jungen Frau.
Aber er zeigt, was passieren kann, wenn sich die eigene Haltung ändert.