Klärung - Beoachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching
Eine Frau, Mitte 40, sitzt im Coaching und sagt:
„Eigentlich müsste ich zufrieden sein.“
Sie arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Journalistin. Sie hat Sparrunden mitgemacht, Umstrukturierungen überstanden und erlebt, wie immer weniger Menschen immer mehr Arbeit machen sollen.
Früher hat sie morgens als Erstes die Nachrichten gelesen.
Heute schiebt sie den Blick aufs Handy möglichst lange hinaus.
Die Themen interessieren sie noch. Die Menschen auch.
Aber die Freude ist verschwunden.
Sie verbringt immer mehr Zeit in Meetings. Immer mehr Zeit mit Umorganisation, Personalengpässen und der Frage, wie mit weniger Leuten dieselbe Arbeit geschafft werden soll.
Um Inhalte geht es nicht mehr wirklich. Früher hat sie leidenschaftlich Überstunden gemacht, Recherchen angeschoben, sich in Themen verbissen - bis es saß. Und war trotzdem nicht erschöpft.
Heute ist sie abends müde.
Nicht von einzelnen Tagen.
Sondern von Jahren.
„Vielleicht bin ich einfach nicht mehr belastbar genug“, sagt sie.
Dabei spricht wenig dafür.
Im Journalismus gibt es Menschen, die nachts Texte kürzen, morgens Krisen moderieren und gleichzeitig überzeugt sind, sie müssten sich nur noch etwas mehr zusammenreißen. Auch die Journalistin, die mir gegenüber sitzt, hat Krisen begleitet, unter Zeitdruck gearbeitet, Verantwortung übernommen und Dinge ausgehalten, die viele andere längst zum Aufhören gebracht hätten.
Und trotzdem denkt sie immer häufiger:
Ich möchte das nicht mehr.
Nicht, weil sie ihren Beruf nicht mehr kann.
Sondern weil sie sich darin nicht mehr wiederfindet.
Berufliche Neuorientierung fühlt sich im Journalismus oft anders an als in anderen Berufen.
Vielleicht weil die Arbeit für viele nie nur Arbeit ist.
Journalismus ist für viele Journalistinnen und Journalisten mehr als ein Beruf. Er prägt den Blick auf die Welt. Er bestimmt, worauf man achtet, welche Fragen man stellt und was man für wichtig hält.
Wer den Journalismus verlässt, verlässt deshalb oft nicht einfach einen Arbeitsplatz.
Sondern auch ein Selbstbild.
Das macht Entscheidungen schwierig.
Viele bleiben lange in einem Zustand dazwischen.
Sie spüren, dass etwas nicht mehr stimmt. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, sich ein Leben außerhalb des Journalismus vorzustellen.
Denn sie haben viel investiert. Jahre, Energie, Leidenschaft.
Und oft auch einen Teil ihrer Identität.
Hinzu kommt, dass Journalistinnen und Journalisten meist gelernt haben, mit Unsicherheit umzugehen. Sie arbeiten unter Zeitdruck, reagieren auf Krisen, improvisieren, wenn Pläne nicht mehr funktionieren.
Vielleicht fällt es gerade deshalb vielen schwer, die eigene Verunsicherung ernst zu nehmen.
Wer beruflich ständig Probleme löst, sucht die Ursache oft zuerst bei sich selbst.
Vielleicht bin ich zu empfindlich.
Vielleicht bin ich nicht belastbar genug.
Vielleicht muss ich mich nur noch einmal zusammenreißen.
Doch manchmal liegt das Problem nicht in mangelnder Belastbarkeit.
Manchmal hat sich etwas Grundsätzliches verändert.
Der Blick auf Arbeit.
Der Blick auf Zeit.
Der Blick auf die Frage, was man bereit ist zu geben – und was nicht mehr.
Im Coaching geht es deshalb selten zuerst um die Frage, ob jemand kündigen sollte.
Oft geht es zunächst darum, genauer hinzuschauen.
Was fehlt eigentlich?
Was ist im Laufe der Jahre verloren gegangen?
Und was soll bleiben?
Denn nicht jede Krise bedeutet, dass der bisherige Weg falsch war.
Aber manchmal ist sie ein Hinweis darauf, dass die Antworten von früher nicht mehr zu den Fragen von heute passen.
Klärung beginnt deshalb häufig nicht mit einer Entscheidung.
Sondern mit dem Moment, in dem jemand zum ersten Mal ernst nimmt, dass die eigene Unruhe einen Grund haben könnte.
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