Klärung - Beobachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching
Eine 38-jährige Lektorin sitzt im Coaching und sagt:
„Ich kann nicht mehr.“
Sie sagt es nicht dramatisch. Eher überrascht.
Denn lange Zeit hätte sie sich selbst nicht für jemanden gehalten, der ausbrennt.
Sie liebt Bücher. Sie liest viel. Sie arbeitet gern mit Autorinnen und Autoren. Sie mag die Gespräche über Manuskripte, die Suche nach guten Texten, die Momente, in denen aus einer Idee ein Buch wird. Die Arbeit mit Illustratoren, die Gespräche auf der Buchmesse.
Deshalb ist sie in einen Verlag gegangen.
Und deshalb hat sie lange geglaubt, dass die Erschöpfung einfach dazugehört.
Kurz vor unserem Gespräch hatte ihr Chef in einer Besprechung gesagt:
„Für uns gibt es kein Wochenende. Wir sind rund um die Uhr erreichbar. Glaubt nicht, dass es für euch anders ist.“
Samstagabend um 19 Uhr kommen die nächsten Mails.
Montagmorgen warten bereits neue Aufgaben.
Dazwischen liegen keine freien Tage. Nur Tage, an denen etwas weniger passiert.
Die Lektorin arbeitet seit Jahren in dieser Branche.
Sie hat erlebt, wie Stellen nicht nachbesetzt wurden. Wie Teams kleiner wurden. Wie immer mehr Projekte gleichzeitig betreut werden mussten.
Mit jedem Jahr kam etwas hinzu.
Ein weiteres Programm.
Eine weitere Zuständigkeit.
Eine weitere Aufgabe.
Selten fiel etwas weg.
Lange hat sie das nicht infrage gestellt.
Die Arbeit war schließlich sinnvoll.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Viele Menschen in Verlagen arbeiten nicht nur für ein Gehalt - und auch das ist viel niedriger als das ihrer Freunde im Schuldienst oder Ingenieurbüro.
Lektorinnen und Lektoren glauben an das, was sie tun.
An Bücher.
An Sprache.
An Inhalte.
An die Bedeutung von Kultur.
Die Arbeit fühlt sich sinnvoll an.
Also fragt man lange nicht, was sie kostet.
Wer sich stark mit seiner Arbeit identifiziert, nimmt Belastungen oft später wahr als andere.
Man bleibt länger.
Man springt häufiger ein.
Man beantwortet noch schnell eine Mail. Schiebt keinen freien Tag zwischen Buchmesse und Vertreterkonferenz ein,
erledigt im Zug von A nach B noch Mails und bereitet die Präsentation vor.
Man liest das Manuskript am Wochenende.
Man verschiebt den Urlaub.
Man sagt sich, dass es nach der nächsten Veröffentlichung ruhiger wird.
Oder nach der Buchmesse.
Oder nach dem Herbstprogramm.
Doch oft wird es nicht ruhiger.
Die Belastung wird zum Normalzustand.
Und irgendwann verändert sich etwas.
Nicht unbedingt spektakulär.
Viele beschreiben keinen Zusammenbruch.
Sondern einen schleichenden Verlust.
Die Freude wird weniger.
Die Neugier verschwindet.
Das Lesen wird zur Pflicht.
Abends reicht die Energie kaum noch für das, was früher Kraft gegeben hat.
„Früher habe ich immer gelesen“, sagt die Lektorin.
„Heute möchte ich nach Feierabend einfach nur meine Ruhe haben.“
Es ist ein unscheinbarer Satz.
Und doch erzählt er viel.
Denn oft beginnt Erschöpfung nicht mit einem Burnout.
Sondern mit dem Verlust der Dinge, die einem einmal wichtig waren.
Im Coaching geht es deshalb selten zuerst um die Frage, ob jemand kündigen sollte.
Oft geht es zunächst darum, genauer hinzusehen.
Was kostet die Arbeit inzwischen?
Welche Erwartungen sind selbstverständlich geworden?
Und was davon ist eigentlich noch tragbar?
Denn nicht jede Krise bedeutet, dass der Beruf falsch war.
Aber manchmal reicht Leidenschaft allein nicht mehr aus, um gesund darin zu bleiben.
Und manchmal beginnt Klärung mit der Erkenntnis, dass Sinn nicht vor Erschöpfung schützt.
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