ERST VERTRIEB, UND WAS DANN? Berufliche Neuorientierung im Coaching

Klärung - Beobachtungen aus Journalismus, Medienwelt und Coaching

 

Die Frau vor mir im Coaching ist Mitte vierzig.

Früher hat sie Geisteswissenschaften studiert. Menschen, Inhalte und gesellschaftliche Themen haben sie schon immer interessiert. Damals hatte sie die Vorstellung, etwas Sinnvolles zu tun - und vielleicht die Welt einmal ein bisschen besser zu machen.

Das Leben verlief anders.

Seit fast zwanzig Jahren arbeitet sie im Vertrieb. Sie steht breitschultrig da, selbstbewusst. Sie organisiert Veranstaltungen, führt Gespräche, trägt Budget- und Personalverantwortung und ist erfolgreich in dem, was sie tut. Sie hat ein Team aufgebaut, Verantwortung übernommen und sich einen Namen gemacht.

Eigentlich gibt es keinen Grund, unzufrieden zu sein.

Und doch sagt sie gleich zu Beginn:

„Soll das jetzt noch zwanzig Jahre so weitergehen?“

 

Ihre Kinder sind inzwischen fast erwachsen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren entsteht wieder Raum für die Frage, wie sie selbst eigentlich leben und arbeiten möchte.

 

„Ich habe nichts anderes gelernt“, sagt sie. „Was könnte ich überhaupt machen?“

 

Diese Frage höre ich im Coaching häufiger.

Viele Menschen schauen zunächst auf ihre Berufsbezeichnung. Sie sehen nur den Beruf, den sie seit Jahren ausüben. Was sie dabei übersehen, sind all die Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Arbeitslebens entwickelt haben.

Deshalb suchen wir zunächst nicht nach einem neuen Beruf.

 

Wir schauen auf das, was längst da ist. 

 

Nach und nach sammelt sie ihre Erfahrungen auf Karten:

Führung eines Teams, Budgetverantwortung, Veranstaltungsmanagement, Verhandlungsgeschick, Organisation, Kommunikation, strategisches Denken und zwei Fremdsprachen.

 

Als alle Karten vor ihr liegen, wird sie still.

„Ich wusste gar nicht, wie viel das eigentlich ist.“

 

Es ist einer dieser Aha-Momente, die im Coaching manchmal entstehen.

Nicht, weil plötzlich alle Antworten gefunden sind. Sondern weil jemand den eigenen beruflichen Weg zum ersten Mal als Ganzes betrachtet. Aus einzelnen Erfahrungen wird ein Gesamtbild. Aus Selbstverständlichkeiten werden Fähigkeiten.

 

Plötzlich entstehen Möglichkeiten, die vorher nicht sichtbar waren.

In einer der nächsten Sitzungen sprechen wir noch einmal über ihren Arbeitsalltag. Sie sitzt in Jeans und Strickjacke vor mir. Ihren Alltag verbringt sie immer im Business-Outfit.

 

Sie erzählt von ihren Kundinnen und Kunden, von Veranstaltungen, von Verkaufszielen und Verhandlungen. Sie macht ihre Arbeit gut. Daran gibt es keinen Zweifel. Und auch daran, dass sie gerne arbeitet und Arbeit für sie wichtig ist. Dann frage ich nach den Menschen, mit denen sie zu tun hat. „Es sind Kunden“, sagt sie. Sie zahlen, haben Erwartungen, natürlich geht es um Geld und Geschäfte. Es sind Kundenbeziehungen.

 

Beim Sprechen über Art der Kontakte wird ihr plötzlich klar: „Ich wünsche mir eine andere Beziehung zu Menschen.“

 

Es ist wieder einer dieser Aha-Momente.

 

Bis dahin hatte sie geglaubt, sie suche vor allem mehr Sinn.

Nun wird deutlich, dass es um etwas anderes geht:

 

Nicht die Tätigkeit selbst steht im Mittelpunkt ihrer Unzufriedenheit.

Sie wünscht sich eine andere Art der Beziehung zu den Menschen, mit denen sie arbeitet.

 

Bisher waren ihre Kontakte vor allem geschäftlich geprägt. Es ging um Verkauf, Verhandlungen, Veranstaltungen und Ergebnisse. Das konnte sie gut.

Doch sie sehnt sich nach Beziehungen, in denen der Mensch selbst im Mittelpunkt steht. Beziehungen, die nicht in erster Linie von Umsätzen oder Geschäftszielen bestimmt werden, sondern von Vertrauen, Unterstützung und gemeinsamer Entwicklung.

Von diesem Moment an verändert sich die Richtung des Coachings.

Nicht mehr die Frage nach einem neuen Beruf steht im Vordergrund.

Sondern die Frage, in welchem beruflichen Umfeld genau diese Art von Beziehung möglich ist.

 

Ob dieser Weg für sie der richtige sein wird, wusste sie an diesem Tag noch nicht.

Darum ging es im Coaching auch gar nicht.

 

Es ging darum, Möglichkeiten wieder sichtbar zu machen.

 

Manchmal reichen wenige Sitzungen aus, damit Menschen erkennen, dass sie weit mehr mitbringen, als sie selbst geglaubt haben.

Nicht, weil das Coaching fertige Antworten liefert.

 

Sondern weil es hilft, die richtigen Fragen zu stellen.

Und manchmal beginnt genau dort der erste Schritt einer beruflichen Neuorientierung.